LITERATUR

INTERNATIONALES SYMPOSION
Karl Schiske (1916-1969)und sein Schülerkreis

Dokumentation und Werkanalysen
Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
11. - 13. November 1999

Alfred Peschek
Vom Punkt zum Klang

Günter Kahowez, PLEJADEN 1
Ein Zyklus für Klavier

Erst wenn wir bedenken, daß die chaotische Leere außerhalb der Sterne durch Sterne gemessen wird, können wir erkennen, mit welch hohem Maß Kahowez, damals noch Schüler von Karl Schiske, an seine Plejaden heranging. Sie sind daher nicht mit üblichen Analyse - Schlagworten wie serielle, punktuelle oder Klangfarbenmusik und dergleichen meßbar, sondern gehen darüber hinaus. Ich meine, daß jeder Kubikzentimeter Raum ein Wunder ist, wie jede Note, jede Struktur, jede Gruppe, jeder Klang, den Kahowez in seinen Plejaden komponiert hat

Ich begrüße Sie herzlichst und danke für die Einladung

Alfred Peschek
Bockgasse 2, 4020 LINZ, Tel 0732 658646 - 0699 10405581 - Fax 0732 600103
peschek/lexikon/ komponist/kahowez
ZUVOR

Man verzeihe mir, daß ich aus persönlichen Gründen zunächst etwas vom Thema, das Günter Kahowez vorgeschlagen hat, abweiche

Ich wohnte in den Sechzigerjahren mit Kahowez gleichsam Tür an Tür in St. Martin bei Traun, einem Vorort von Linz, wir musizierten zusammen und heimsten gemeinsam negative Kritiken ein
Das Publikum wurde aufgeputscht, kam wahrscheinlich gerade deshalb. Und es gab so manchen Skandal

Einige Beispiele:

29.3.68. Dr. Franz Lettner schrieb unter dem Titel "Nun ist es aber genug": "... Aber es kam noch extremer: "knocking piece" von Benjamin Jonston. Peschek und Kahowez stellten sich - natürlich im Konzertanzug - zu beiden Seiten des Klaviers auf und klopften mit wechselnden Schlägeln in einem ziemlich monotonen Rhythmus auf die verschiedensten Stellen des Instruments, meist auf Holz. Wenn einmal ein Ton kam, mutete es wie ein Versehen an. Ich glaube es war ein Steinway, der zu bedauern war, vielleicht hätte es auf einen Bösendorfer anders geklungen? ... Nach der ersten Viertelstunde verließen einige Zuhörer den Saal. Andere klopften, riefen um Hilfe und trieben Unfug ..."
Bemerkenswert: Die Kritiker waren - und das überrascht an der Sache - beim "Unfug", wie Dr. Lettner es nannte, tonangebend, bis ein Besucher (der Name ist mir bekannt) zu einer Kritikerin (der Name ist mir ebenfalls bekannt) schrie:
"Sö ostdeitsche Schaßdrumö, wauns ina ned benema kinan, gengans ham"

19. 5. 69. Der selbe Kritiker schrieb von einem "Harntreibenden Pritschl-Konzert". Untertitel: Günter Kahowez führte mit seinen Mannen tolle Tänze auf - auf dem Programm auch Webern, Stockhausen, Peschek, Logothetis. Ausführende: ExpAkt-gruppe

27. 11. 69: Ein anderer Kritiker mit den Initialen B. R. schreibt:
"Schreckliche Avantgarde in Linz", Klavierabend G. Kahowez - "Man sollte derartige Veranstaltungen schon bei der Anmeldung unter die Lupe nehmen". Er erwähnte Schönberg

Aber natürlich wurden im Rahmen dieser Konzerte auch die "Plejaden" aufgeführt ...

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Daten zum Leben von Kahowez


Um die Bedeutung des Werkes besser verstehen zu können, möchte ich ein paar Daten aus Kahowez' Leben einfügen


Günter Kahowez, 1940 in Vöcklabruck, Oö, geboren

studierte 1957 - 60 bei Helmut Eder am Linzer Brucknerkonservatorium

1960 - 66 bei Karl Schiske an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien, später Hochschule, heute Universität

1961 - 69 Diverse Teilnahmen bei den Internationalen Ferienkursen in Darmstadt, wo ihn Begegnungen mit Stockhausen, Messiaen, Kagel, Ligeti, aber auch die Amerikaner Tudor und Brown als Kursleiter zweifellos beeinflußt haben

1966 Reifeprüfung Komposition mit Auszeichnung

1967 / 68 Stipendiat am Österreichischen Kulturinstitut in Rom

Die Komposition der "Plejaden" fällt fast genau in die Studienzeit bei Karl Schiske:

1961 Vollendung der 1. Fassung

1966 Vollendung der 2. Fassung
Im gleichen Jahr schrieb er die Orchesterfassung der
Plejaden II, die er sinfonisch-tachistische Malerei nennt
geschrieben für Klavier und 61 Orchesterspieler

Das Vorwort zu den "Plejaden I" ist mit
Rom, 4. März 1967 datiert

Kompositionen von Kahowez lassen schon im Titel des Komponisten Liebe zu Astronomie, Mythologie und Orientalistik erkennen, wie Mitologo, Mandala, Metamorphosen. Vorworte und Texte, die wie bei "Mitologo" auch ad libitum in die Aufführung integriert werden können, verweisen darauf. Die Plejaden gehören zu dieser Gruppe von Kompositionen, in denen Kahowez - wie immer - sehr ganzheitlich denkt


Die Plejaden - Sternbild und Mythologie

Verzeihen Sie, wenn ich zu den "Plejaden" schweife
Ich bin Stier. Und als solcher habe ich mit ihnen, den Plejaden nämlich, keine Schwierigkeiten. Denn immer, wenn ich mir mein Sternbild betrachte, überfällt mich jener juwelengleiche Sternhaufen, der etwa 415 Lichtjahre von der Erde entfernt ist und an der Schulter meines "Taurus" leuchtet

Kahowez schreibt vom "leidenschaftlichen Funkeln" der Plejaden "am winterlichen Firmament" und bezieht sich auf den griechischen Mythos, der für ihn von formaler Bedeutung wurde. Denn in der griechischen Mythologie sind die Plejaden die sieben Töchter des Weltenträgers Atlas und der Plejone. Orion verliebte sich und verfolgte sie. Zeus half ihnen zu entkommen, in dem er sie zuerst in Tauben und dann in Sterne verwandelte

Die "Plejaden" gehören zu den Schmuckstücken der nördlichen Hemisphäre. Man kann mit freiem Auge nur sechs helle Sterne am Himmel erkennen, obwohl man von einem "Siebengestirn" spricht. Nach der griechischen Mythologie ist die fehlende Plejade Merope, die sich anders wie ihre Schwestern nicht mit einem Gott, sondern mit dem sterblichen Sisyphus vermählte, einem Elenden, dazu verdammt, in alle Ewigkeit einen Fels auf einen Hügel hinaufzuwuchten, obwohl der Fels immer wieder, ist er auf dem Höhepunkt angelangt, hinunter rollt

Mit den Plejaden sind Geschichten und Legenden verknüpft. Vielen alten Kulturen zeigen sie die Wende der Jahreszeiten an, etwa, wenn sie im Frühling zur Morgendämmerung aufgehen und im antiken Griechenland den Beginn der Seefahrt, anderswo die Saatzeit anzeigen, und im Herbst mit dem Untergang der Sonne auf Ernte- oder Regenzeit verweisen. Ja, eine im Talmud erzählte Legende verknüpft die Plejaden sogar mit der Sintflut. Und im November, wenn sie den höchsten Punkt am Nordhimmel um Mitternacht erreichen, führten die australischen Aborigines den Tanz zur Feier des neuen Jahres auf, während bei den Azteken den Höhepunkt ihres 52jährigen Kalendern mit einem Menschenopfer (zuletzt 1507) feierten, das vollzogen wurde, wenn die Plejaden um Mitternacht im Zenit standen

Beschaut man die Plejaden mit dem Feldstecher, bietet sich ein Anblick von seltener Schönheit. Man zählt dann etwa 30 Sterne, obwohl in diesem Haufen buchstäblich hunderte Sterne vorhanden sind. Aber nur neun, die sieben Schwestern, deren Namen Kahowez als Titel für seine Stücke wählte, ihre Mutter Plejone und ihr Vater Atlas, der das Gewicht der Welt auf seinen Schultern trägt, haben einen Namen. Sie sind so jung, daß die hellen, gut sichtbaren Sterne noch immer in die verschwommenen Schleier der blauen Nebel gehüllt sind, in denen sie erst vor zwanzig bis fünfzig Millionen Jahre entstanden sind. Es war also viele Jahrtausende nach dem Aussterben der Dinosaurier. Auch wenn Allen Ginsberg, Popart-Dichter, in "Iron Horse" schreibt: Borax der Dinosaurier streift durch die Farnwedel unter Plejaden


Vom Siebengestirn zu Kahowez' Musik

Diese kurze Geschichte, die ich erzählte, ist Thema von Kahowez' gleichnamiger Musik

Ein Strukturvergleich biete sich an:

Das scheinbar unorganisierte Bild der Plejaden, die sich den Punkten im Notenbild gleich, ständig bewegen, und der Punkt, der zum Klang wird, bis er im Nebel an der Schulter des Stiers, von Kahowez mit wunderschönen Obertonstrukturen gezeichnet, mit dem aufgehenden Licht der Sonne, verschwindet

Die Sätze tragen die Namen der sieben Schwestern als Überschriften: Taygeta, Celaeno, Merope, Maia, Elektra, Asterope und Alkyone

Nach Thomas Christian Schlee sind die Stücke seriell komponiert. Das schaut zwar auf den ersten Blick so aus. Aber das punktuell anmutende, stark strukturierte Notenbild geht vom Einzelklang aus, verdichtet sich im Laufe des Stückes immer mehr und (bis zur Dichte 11) und schließt ab dem 3. Stück Obertonstrukturen, die im 5. Stück "Elektra" - ebenso wie ein Schlag mit der Hand auf Holz - auch formgliedernd eingesetzt werden, mit ein. Das 2. Stück "Celaeno", das in der Erstfassung am Anfang steht, ist im Sinne der Komposition mit den 12 Tönen" streng durchstrukturiert. Die Reihe wird im Sinne des "Siebengestirns" sieben Mal wiederholt und brückenschlagend über Gruppen hinweg eingesetzt. Im 1. Stück "Taygeta" werden die Gruppen ausschließlich von ellispoiden und hyperboliden Klangfolgen gebildet

I TAYGETA Mit Emotion, in der Bewegung Ellipsen- und Dauer 1'
Hyperbelabschnitte schildernd

Die einzelnen Bewegungen sind in 12 Gruppen gegliedert
Die 12 Töne, immer wieder angewandt, sind reihenmäßig gegliedert und schlagen in der Fortführung Brücken von Gruppe zu Gruppe
Interessant die Vielschichtigkeit der Intervalle, die zu den erwähnten kurvenförmigen Bewegungen führen. Etwa: ü4 - gr 6 - gr 7 - gr 9 führt zu einer hyperbelmäßigen Bewegung und zu einem Zusammenklang der Dichte 5; die Bewegung nimmt nach oben hin zu

II CELAENO Zart, aber mit innerer Leuchtkraft 1'

In der ursprünglichen Reihung von 1961 das 1. Stück.
Die in siebenmaliger Folge abgewandelte Zwölftonreihe
a - d - es - fis (ges) - as - g - e - b (ais) - h - f - des - c
gemahnt an das "Siebengestirn". Serielle Strukturen ergeben sich nicht. Nur der Beginn jeder Reihe bringt jeweils ein anderes "a" vom Subkontra A bis a3
Für den formalen Ablauf verwendet Kahowez das Prinzip der Verdichtung



III MEROPE Funkelnd, teils zart, teils dynamisch 1,5 '

Sehr differenzierte Gruppenkompiosition, die teils zart, etwa im p-Bereich, im Zentrum viel dynamischer von p bis hin zum ff klingen. Die Gruppen sind durch Pausen getrennte, aber die Phrasen reichen über die Pausen hinweg. Dfür das klanglichen Geschehen führt Kahowez Obertonklänge, die sich in den späteren Stücken verdichten, dann teils nebulos, teils hell erklingen. Kahowez verzichtet interesdsanterweise auch innerhalb der Gruppe nicht auf Tonwiederholungen.

IV MAIA Nebelhaft dahinziehend, sehr verhalten 1'30"

Im Gegensatz zu anderen Stücken im Fluß komponiert und kaum durch Gruppen gegliedert. Sehr lange, von klanglicher Dichte erfüllte Phrasen

V ELEKTRA Mit voluminöser Kraft 1'30"

7 Abschnitte (Gruppen), die jeweils mit Obertonklängen (einmal durch Schlag auf Holz) enden. Es entstehen sehr differenzierte, durchsichtige (transparente) Klangmomente

VI ASTEROPE Nebulos und funkelnd zugleich 1'45"
(Einen Nebelfleck in Sterne auflösen)

4 teilig. Starke Verwendung des Obertonbereichs (auch durch das stumme Anschlagen von Cluster). Große Intervalle

VII ALKYONE Mit geballter Emotion 1'45"

Gruppenkomposition mit sehr starker Verdichtung. Obertöne


Resumée

Ich folge Thomas Daniel Schlee:

"In diesen Stücken sind die Aspekte eines höchst raffinierten, klanglich subtilen und zugleich bis ins Detail liebevoll strukturierten Stils zu höchster Vollendung gebracht. Zudem stellen sich jene Werke in den Dienst einer philosophischen, an orientalischer wie abendländischer Geistigkeit und transzendentaler Hoffnung orientierten Reflexion des Seins und werden solcherart als kostbare Zeugnisse österreichischen gegenwärtigen Stilwollens zu einer überzeitlichen Kunst."

Was Schlee mit diesen Worten sagt, zeichnet sich bereits in den "Plejaden" ab, die - wie bereits erwähnt - während der Studienzeit von Günter Kahowez bei Karl Schiske komponiert wurden

Es gibt, so glaube ich, kein schöneres Beispiel, um einen Lehrer mit seinem Werk zu ehren